Briefe schreiben für Zusammenhalt

"Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben..." Diese melancholischen Zeilen aus Rilkes Gedicht "Herbsttag" von 1902 passen in den Frühling 2020. Angela Merkel hat es prosaischer formuliert: "Wir alle müssen Wege finden, um Zuneigung und Freundschaft zu zeigen: Skypen, Telefonate, Mails und vielleicht mal wieder Briefe schreiben", schlug die Bundeskanzlerin bei ihrer TV-Ansprache am 18. März vor. Und auch für die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie, Birgit Spinath, sind Briefe eine Möglichkeit, den Zusammenhalt zu sichern. Videotelefonie und soziale Medien könnten Kontakte zwischen Großeltern und Enkel lebendig erhalten, betont sie. "Oder - wo die älteren Menschen die neue Technik nicht beherrschen - ganz klassisch durch gegenseitiges Briefe schreiben und telefonieren."

In Zeiten der Corona-Krise können Briefe Einsamkeit durchbrechen.

Der Brief steht im Zeitalter der Digitalisierung auf der Liste der bedrohten Arten. SMS, E-Mail und WhatsApp sind schneller und cooler. Möglich aber, dass die alte Form der Kommunikation in diesen Zeiten wieder auflebt.

Liebesbrief, Kondolenzschreiben oder Geburtstagsgratulation: Briefe sind Wertschätzung auf Papier. Ein handgeschriebener Brief vermittle mehr Individualität und Charakter als elektronische Post, argumentiert der australische Künstler Richard Simpkin, der 2014 einen Welttag zu Ehren des Briefeschreibens ausgerufen hat.

Tatsächlich geht die Zahl der verschickten Briefe in Deutschland seit Jahren leicht zurück. Waren es 2016 noch 18,6 Millionen, so wurden 2019 nur noch 17,3 Millionen verteilt. Der Anteil der Privatbriefe blieb dabei relativ konstant bei fünf Prozent. Ob er sich aktuell erhöhen wird, lasse sich noch nicht abschätzen, teilte ein Sprecher der Deutschen Post in Bonn mit.

Fest steht, dass mancherorts Initiativen entstanden sind, die alleinstehenden und alten Menschen durch Briefe Solidarität bekunden wollen. Zum Beispiel Ulrike Ernst aus Speyer. Sie hat die Initiative "Helfer mit Herz" gegründet, wie die "Rheinpfalz" berichtet. Elf "Helfer mit Herz" schicken Briefe und Postkarten mit Grüßen, Gedichten und Geschichten an Menschen, die allein in Heimen und Kliniken ausharren müssen. "Das bringt Freude und Abwechslung in den Alltag", ist Ernst überzeugt. Ähnlich ging es Sigrid Nikel-Bronner aus Moers. "Schreib' doch mal wieder einen Brief!", dachte sie sich - und sorgt seitdem dafür, dass die Bewohner zweier Seniorenzentren ein wenig mehr am Leben teilhaben können. Copyright: Christoph Arens

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